Dienstag, 1. Juli 2014

Die Ringerin von Bahnsteig 1

Die große Radtour ging heute früh mit dem Zug in das „Böhmische“ hinein. Ich war fasziniert was Katrin sich da ausgedacht hatte, bzw. welch tollen Tipp sie aus der Informationsbroschüre erhascht hatte. Wir mussten nach Decin und von dort aus weiter nach Ceska Kamenice. Habt ihr schon mal auf einen Anschlusszzug in Tschechien gewartet? Es geht nicht um die Zuverlässigkeit, nein es geht darum, von welchem Bahnsteig der Zug wohl fahren wird. Das ist kein Scherz. Kein Zug ist mit Ankunftsbahnsteig und mit Abfahrtsbahnsteig auf den Tafeln deklariert. Schaut man sich dann aber in der Bahnhofshalle um, so sieht man eine riesige Tafel mit den nächsten Zügen, welche dann auf die Bahnsteige gelost werden. Dazu noch der Bahnhof hat 4 Bahnsteige, aber 8 Gleise. Bis wir das kapiert haben, dass die Zahl hinter dem Bahnsteig das Gleis bedeutet, hat schon etwas gedauert. Wir hatten es aber dann verstanden. Als wir im frisch gesäuberten Zug dann eingestiegen waren, entwickelte sich ein kleines Gespräch zwischen dem Lokführer und uns. Er erklärte uns die Sache mit dem Bahnsteig und mit den Gleisen noch mal und wir waren zufrieden. Plötzlich sprang der Schaffner in den Zug und meinte uns zu belehren. Was er genau meinte wissen wir nicht. Unsere Fahrräder standen angeblich falsch, denn diese muss man hier an die Wand des Zuges hängen. Das hatten wir nicht getan, ich stellte mich stattdessen davor und hielt sie während der Fahrt fest. Er sah jetzt wieder zufrieden aus, besonders dann wenn wieder Mädels mit großer Oberweite den Zug bestiegen. Er ging voll auf in seinem Beruf. Er stieg auch jedes Mal auf den Bahnsteig, hob seine Pappkelle und blies in seine Pfeife. Dabei stand auf jedem der Bahnhöfe (mehr oder weniger Bahnsteig mit Haus) eine Frau mit roter Mütze, weißer Bluse und blauem Rock und zeigte, während der Zug im Bahnhof stand, ihre Präsenz. Kein Gruß, kein Winken. Wenn jemand weiß wie diese Damen heißen, melde er sich bitte. Sie verkaufen auch angeblich Souvenirs und Fahrkarten. Und genau um die Eine geht es jetzt: Wir stiegen in Kamenice aus, dabei wollte der Schaffner Katrin beim Tragen helfen, denn der Bahnsteig lag mal wieder 50 cm tiefer und war 1 Meter breit. Er wusste aber nicht wo er hätten anfassen sollen. Sie tat es dann allein. Wir standen nun auf dem Bahnsteig und mussten aufpassen, dass wir nicht auf das andere Gleis fielen. Na ja, fielen ist übertrieben, ein Schritt und der Nachbarzug würde die nur über die Füße fahren. Da fuhr aber nichts und wird die nächsten Jahre auch nicht fahren. Die Bahnhofsvorsteherin hatte alles im Blick. Alles in Ordnung, sie war für die Sicherheit da. Dort wo andere Security brauchen, da stand sie. Kräftige Statue einer Russischen Ringerin. Auf Bahnsteig 1 stand sie da. Vorbau wie Rubens es wollte, nein sie war etwas mehr als das was Rubens je verewigt hatte. Dazu die Uniform – Schulmädchenreport 3.0. Ich hatte Angst, jedoch so lange der Zug den Bahnhof nicht verlassen hatte, stand sie immer noch auf ihrem Posten und starrte auf die Gleise. Schnell weg.
Jetzt begann unsere Reise durch ein trostloses Land, vorbei an alten Ruinen einer Textilfabrik. Bunkern und alten Zäunen. Das war mal verbotenes Land und jetzt sieht es scheiße aus. Verlassen und der Natur zurückgegeben. Die hatte es aber in den letzten 25 Jahren noch nicht geschafft etwas zu bewegen. Der nächste Ort war nicht weit. Ebenso trostlos und verkommen. Das Einzige was hier wohl noch läuft sind „Restaurace“, also Restaurants, Kneipen, Gaststätten und Hotels. Ich glaube aber das diese Zeiten der Restaurants wohl dem Ende entgegen geht. Ein Dorf hatte geschätzt 20 Gaststätten. Da waren wohl die meisten Besitzer auch die besten Gäste. Hin und wieder standen auch Autos vor der Tür, aber die meisten waren doch Tschechen.

Nach unserer trostlosen Straßenrallye auf nicht befahrenen Straßen bogen wir zum ersten Highlight ab. Es ging zur Grundmühle. Diese war bis ca. 1930 noch Hotel und Mühle, sah aber so aus als wären die Gebäude im Mittelalter verlassen worden. Hochwasser und Natur schaffen ihr bestes. Trotzdem war es sehr schön. Eigentlich wollten wir nun den Weg zurück und dann weiter die Straße bis zur nächsten Mühle fahren. Jetzt wird abgekürzt, ich wollte keine Mühle mehr sehen. Ich fahre doch für 3 Mühlen keine 47 Kilometer. Katrin nahm die Karte und suchte den nächsten Radweg hier im Nationalpark heraus, der führte dann auch nach Jelove und nannte sich wirklich Fahrradweg. Wieder mal hatte Katrin einen Radweg gefunden, der zwar den Namen nicht verdient, aber dennoch Abenteuer verspüren lässt. Es ging mit dem Spaß nun richtig los, bis wir irgendwann auf eine Straße kamen, die uns dann auch wieder in ein trostloses Dorf brachte. Es wurde schon besser und die Stimmung stieg an, denn die Straße ging jetzt nur noch bergab und das auf eine Länge von guten 4-5 Kilometern. Einmal konnte ich einen Blick auf das Tacho werfen. 57 km/h zeigte es an. Der Vorteil an dieser Straße war, dass sie lang und gerade war. Ein paar kleine Kurven und wieder begann ich den Schwung aufzunehmen, den ich gerade verloren hatte. Endlich kamen wir in Hrensko an und fuhren dann bis Schmika und setzten dann mit der Fähre über dann schnell nach Hause zu fahren. Ich musste mich auf Grund meiner Kopfschmerzen hinlegen und es hatte auch geholfen. Morgen wird’s dann mit einer bekannten Tour etwas besser.

Tierische Grüße,
Eure Sandsteinjäger


Die Ringerin von Bahnsteig 1 im Video