Eigentlich wollten wir es heute ganz gemütlich angehen lassen. Der Wetterbericht sprach schließlich dafür: Zwischen 9 und 10 Uhr sollte es regnen und gegen 16 Uhr sollten uns schwere Gewitter heimsuchen. Also waren wir auf alles vorbereitet. Regenjacken, Regenhose, wasserdichte Socken, wasserdichte Schlüpfer … und für den absoluten Ernstfall hätten eigentlich nur noch Schwimmflügel, eine Signalpistole und ein Schlauchboot im Rucksack gefehlt. Entsprechend hatten unsere Rucksäcke inzwischen das Gewicht eines ausgewachsenen Maultiers – eine wahre Wohltat für Rücken und Bandscheiben.
Zum Glück sollte es ja nur eine kleine Runde werden.
Mit der Kirnitzschtalbahn ging es zunächst hinauf bis zur Endhaltestelle Wasserfall. Die Bahn war allerdings derart überfüllt, dass man sich fragte, ob ganz Sachsen beschlossen hatte, heute den Kuhstall zu besuchen.
Und wie das nun einmal so ist: Es gibt viele verschiedene Menschen. Niemand ist perfekt. Ich rege mich wahrscheinlich manchmal auch zu schnell auf. Aber wenn Eltern ihre Kinder nicht im Griff haben, die Kleinen lautstark verkünden: „Ich will wieder nach Hause!“, während die Mutter verzweifelt versucht, ihre sechsköpfige Drachenfamilie zu bändigen und der Vater lieber auf sein Handy starrt und sich lautstark darüber aufregt, dass es in diesem „verfluchten Tal“ kein Netz gibt – dann fällt Gelassenheit nicht immer leicht.
Alternativ hätte man sich auch auf die Berliner Wandergruppe vom Stamm der „Schwerhörigen“ konzentrieren können. Die unterhielten sich nämlich quer durch den Wagen in einer Lautstärke, bei der vermutlich selbst der Schaffner am anderen Ende der Strecke jedes Wort verstand. Natürlich in bestem Berliner Dialekt.
Irgendwann blendete ich das alles aus und hörte nur noch das vertraute Schaben der Räder auf den Schienen und das Quietschen der Bahn in den Kurven. Musik in meinen Ohren.
Endlich: Endhaltestelle. Raus aus der Bahn.
Katrin ordnete an, den Umleitungsweg zum Kuhstall zu nehmen. Eine ausgezeichnete Idee, denn so mussten wir den Stadtameisen in Badelatschen nicht ständig in die Hacken treten.
Ab diesem Moment kehrte endlich Ruhe ein. Gemeinsam zogen wir Richtung Südaufstieg und weiter über die Himmelsleiter nach oben.
Katrin marschierte voraus und entdeckte schon von Weitem ein hyperaktives Deutschlandtrikot, das uns entgegenkam. Mit einem deutlichen „Das ist eine Einbahnstraße!“ pfiff sie den jungen Mann zurück. Er wich tatsächlich zurück – mitsamt seiner Familie. Hinter uns schob sich inzwischen eine lange Wandererschlange die Himmelsleiter hinauf. Ein weiterer Versuch, hier bergab zu laufen, wäre vermutlich in einem Dominoeffekt geendet, bei dem unten keiner mehr gewusst hätte, warum er eigentlich liegt.
Der Junge hieß übrigens Cameron [ˈkæmərən].
Ja … Cameron. Und Cameron wollte Spaß.
Es ist mir letztlich völlig egal, wie jemand heißt oder warum Eltern sich für bestimmte Namen entscheiden. Aber irgendwie bleibt einem so ein Name eben im Gedächtnis. Und Cameron wollte Abenteuer.
Während wir oben an einer Eiche die Aussicht genossen, zog die Familie an uns vorbei. Cameron sprang von Fels zu Fels. Irgendjemand mahnte ihn zur Vorsicht. Die Antwort kam prompt:
„Er springt, wo und wann er will.“
Und Cameron will klettern. Na gut.
Zurück auf dem Plateau wollte ich noch einmal zum Schneiderloch. Kurz vorher kommt man an einer Stelle vorbei, an der man um einen Felsen herumgehen kann. Nichts für Menschen mit übertriebenem Sicherheitsbedürfnis.
Genau dort kam diese Familie mit den kleinen Jungs herausgekrochen, zum Schluss der Vater – und plötzlich hörte man nur noch:
„Cameron hat sich verletzt!“
Er hielt sich den Ellenbogen und hatte sichtlich starke Schmerzen. Als ich vom Schneiderloch zurückkam, war sein Ellenbogen bereits mit einem T-Shirt geschient und kunstvoll verknotet. Das Abenteuer war für ihn damit wohl beendet. Morgen würde wohl ein Arzt übernehmen.
Eines musste man der Sache allerdings lassen: Ab diesem Zeitpunkt war die ganze Familie plötzlich erstaunlich leise.
Katrin und ich hingegen hatten uns unser verspätetes Frühstück redlich verdient und kehrten in der Berggaststätte ein. Eine Kleinigkeit zu essen, etwas zu trinken und einfach nur den Blick schweifen lassen – genau so muss eine Wanderpause aussehen.
Danach ging es gemütlich hinunter zur Bahn. Die Rückfahrt durchs Kirnitzschtal verlief deutlich entspannter als die Hinfahrt. Vielleicht waren inzwischen alle müde geredet oder die Berliner Wandergruppe hatte ihre Stimmen verloren. Man weiß es nicht. Dafür wurde es draußen immer wärmer. Diese typische Gewitterluft lag in der Luft. Schwer. Schwül. Irgendwie wartete alles auf den großen Knall.
Nur der blieb aus.
Am Kuhstall hatte es einmal ganz kurz genieselt – mehr war vom angekündigten Weltuntergang nicht übrig geblieben. Stattdessen zeigte sich die Sächsische Schweiz wieder von ihrer schönsten Seite. Wolkiger Himmel, grüne Wälder und einfach nur ein herrlicher Nachmittag.
Zurück im Tal wurde noch schnell eingekauft. Danach schauten wir noch bei Arnold vorbei. Eigentlich stand nur ich auf der Einkaufsliste, doch plötzlich war Katrin der Meinung, dass neue Wanderschuhe vielleicht doch keine schlechte Investition wären. Und siehe da – sie wurde tatsächlich fündig.
Es wurden ein Paar Meindl aus echtem Leder. Das Besondere daran: Jeder Schuh besitzt eine eigene Nummer, über die sich tatsächlich nachvollziehen lässt, von welcher Kuh das Leder stammt. Also gleich nachgesehen.
Und siehe da – die Dame kam aus Michaelaberg bei Schladming.
Da mussten wir beide erst einmal lachen. Ausgerechnet dort waren wir vor einigen Jahren schon einmal im Michaelaberghaus eingekehrt und haben hervorragend gegessen. Wer hätte gedacht, dass sich unsere Wanderwege und die einer österreichischen Kuh Jahre später in einem Schuhgeschäft in Bad Schandau noch einmal kreuzen würden? Vielleicht hat sie damals schon auf der Wiese gestanden, uns beim Essen beobachtet und sich gedacht: "Die beiden sehe ich irgendwann wieder." Dass sie uns später einmal auf Schritt und Tritt begleiten würde, konnte damals allerdings wirklich niemand ahnen.
Zum Abschluss kehrten wir noch bei Franzl ein und ließen den Tag bei einem guten Essen ausklingen. Danach ging es ganz entspannt mit der Fähre nach Hause.
Und was bleibt von heute?
Kein Dauerregen.
Kein Gewitter.
Keine Überschwemmung.
Die wasserdichten Schlüpfer völlig umsonst eingepackt.
Und Cameron hatte Spaß.
Und Cameron hatte Spaß.
Aber dafür wieder ein wunderschöner Tag in der Sächsischen Schweiz.
Und irgendwo dort draußen wird Cameron seinem Ellenbogen inzwischen erklärt haben, dass Felsen leider nicht nachgeben. Während Katrin nun mit einer Kuh aus Michaelaberg unterwegs ist, die offensichtlich beschlossen hat, unsere Wanderungen künftig höchstpersönlich zu begleiten.
Eure Sandsteinjäger