Freitag, 17. Juli 2026

Paloma besiegt Kohlbornstein

Nach dem gestrigen Tag hatten wir uns vorgenommen, heute einmal etwas völlig Verrücktes zu tun: ausschlafen. Anschließend sollte es gemütlich zum Kohlbornstein gehen, denn für den Nachmittag waren kräftige Gewitter angekündigt. 
Der Plan war gut. Nur hatte offenbar jemand vergessen, ihn dem nächtlichen Hubschrauber mitzuteilen.
Seit Einbruch der Dunkelheit kreiste er über der Elbe und tastete mit seinem Suchscheinwerfer beziehungsweise Nachtsichtgerät die Gegend ab. Warum? Weshalb? Wieso? Keine Ahnung. Katrin und ich standen jedenfalls eine ganze Weile am Fenster. Auf der anderen Elbseite waren außerdem mehrere helle Taschenlampen zu sehen. Es wurde also definitiv etwas gesucht. Und jeder weiß: So ein Hubschrauber muss nicht alle zehn Minuten tanken.

Gegen halb zwei war endlich Ruhe eingekehrt. Ich fiel in einen wohlverdienten Schlaf und landete gerade in den schönsten Träumen...

...bis 8:41 Uhr.

RADIO PALOMA!

Mit der Feinfühligkeit eines Presslufthammers droschen mir teuflische Schlagerrhythmen durch die Synapsen. Das war keine Musik mehr – das war eine akustische Musterung.

"Fertigmachen! Antreten!"

Wo kommt dieser Lärm her? Wer macht sowas? Und vor allem: Warum?

Dann dämmerte es mir.

Am Haus werden gerade die Sandsteinfugen erneuert. Neben Mörtel, Kelle und Fugeneisen gehört zur Grundausstattung des Handwerkers offenbar auch ein Radio. Und dessen Lieblingssender heißt Radio Paloma.
Nun entwickelte sich vor meinem inneren Auge ein ganz eigenes Bild.
Das Radio war kein Radio mehr.

Es war ein Feldwebel. Mit jeder neuen Schlagernummer brüllte es seine Befehle durchs Elbtal.

"Aufstehen!"

"Mitsingen!"

"Gute Laune ist Befehl!"

Nun gut... der Feldwebel konnte brüllen, so viel er wollte. Ich bin schließlich Oberstleutnant der Sandsteinjäger und der diskutiert nicht mit Feldwebeln. Er ignoriert sie mit militärischer Präzision.

Zumindest versuchte ich das.

Vollkommen übermüdet machte ich mich fertig und schaffte es diesmal sogar ohne fremde Hilfe, das Frühstück vorzubereiten.

Der Kaffee gelang. Mission erfüllt.
Als Katrin vom Bäcker zurückkam, lautete ihr erster Lagebericht:

"Ist das drückend draußen."

Ein Blick aufs Thermometer bestätigte die Meldung.

10:00 Uhr.

28 Grad.

Es roch förmlich nach Hitzefrei.

Während andere längst im Büro saßen und gedanklich schon ins Wochenende verschwanden, überlegten wir, ob wir den Kohlbornstein überhaupt noch ansteuern sollten.

28,7 °C...

29,0 °C...

Draußen wartete der Feldwebel Paloma immer noch mit ungebrochener Motivation auf seinen nächsten Angriff. Ich trat um die Ecke, begutachtete die frisch verfugte Sandsteinwand, lobte den Handwerker – die Arbeit sah wirklich klasse aus – und im Hintergrund schmetterte der Feldwebel unverdrossen seinen musikalischen Frühsport mit Michelle, Helene und Wolfgang.
Je mehr ich ihn ignorierte, desto lauter schien er zu werden. Wahrscheinlich eine altbewährte Ausbilder-Methode.
Der Kohlbornstein war damit offiziell gestrichen.

Katrin zog sich zurück und stickte bunte Fäden in Stoff. Im Grunde ist das Malen nach Zahlen – nur eben mit Garn statt Farbe und ganz ohne Zahlen.

31 Grad.

Die Luft hatte inzwischen die Konsistenz von warmer Butter angenommen.
Kalte Getränke halfen nur solange, bis das Glas leer war. Also blieb nur noch die energiesparende Variante: möglichst wenig bewegen und auf Regen hoffen.
Der erste Gewitterschauer marschierte mit Blitz und Donner südlich an uns vorbei.
Natürlich.

Später gab es noch einen kleinen Regenguss. Genug, um die Temperatur auf angenehme 27 Grad zu drücken. Die Sonne blieb verschwunden, die Luft blieb schwül – aber immerhin mussten wir uns nicht mehr fühlen wie Grillgut auf dem Rost.

Rückblickend war es wohl genau die richtige Entscheidung.

Manchmal besteht die größte Leistung des Tages eben darin...

...einfach nichts zu tun..

Eure Sandsteinjäger